[Ga: een map omhoog, voorpagina, ]




Taliban-Gedichtband: Der Club der tötenden Dichter

Von , Islamabad

Ist das Poesie oder Propaganda? Ein britischer Verlag bringt von Taliban verfasste Gedichte heraus. Die Extremisten preisen darin die Liebe und die Schönheit Afghanistans, schreiben aber auch unkommentiert über Krieg, Tod und den bösen Westen. Der Tabubruch löst wütende Proteste aus.

Taliban-Gedichtband: Poesie oder Propaganda? Fotos
Getty Images

Man könnte meinen, dass alles, was die Taliban publizieren, auch gelesen wird. Von ihren Anhängern, vor allem aber von Geheimdiensten, Sicherheitsexperten und Journalisten. Tatsächlich ist es so: Diese Leser nehmen zwar genau wahr, wenn die Taliban sich zu Anschlägen bekennen oder Kommentare zum Weltgeschehen veröffentlichen, um die Sicherheitslage zu bewerten oder Nachrichten herauszulesen. Aber eines übersehen sie: ihre Gedichte.

Lyrik gehört seit Jahrhunderten zur Kultur in Zentral- und Südasien, und bis heute spielen Dichtkunst und Sprichwörter eine große Rolle in der Alltagssprache. Auch die Taliban lieben Gedichte. Seit einigen Jahren veröffentlichen sie neben all den anderen Dingen Verse im Internet, in denen sie über die Liebe schreiben oder über die Schönheit ihrer Heimat. Bislang interessierte sich erstaunlicherweise niemand für diese Text- und MP3-Dateien, vermutlich sah niemand einen echten Wert darin.

Alex Strick van Linschoten und Felix Kuehn, zwei junge Wissenschaftler und Autoren, haben rund 300 dieser Texte gesammelt. Auf das Material stießen sie, als sie mehr als drei Jahre lang in der südafghanischen Stadt Kandahar lebten und forschten. In dieser Zeit protokollierten sie die Biografie des ehemaligen Taliban-Botschafters Abdul Salam Zaeef ("My Life With the Taliban") und schrieben ein Buch über das Verhältnis zwischen Taliban und al-Qaida ("An Enemy We Created"). Ihre Gedichtsammlung entstand eher nebenbei.

Kitsch und Kritik in Gedichtform

Sie ließen die auf Paschtu verfassten Zeilen ins Englische übersetzen. Als sie ihrem Verleger davon erzählten, sagte der: "Okay, lass uns das veröffentlichen!" Am 17. Mai kommt nun ein Band mit 235 ausgewählten Texten heraus: "Poetry of the Taliban" heißt er. Vorangestellt sind ein paar Informationen über die Herausgeber und Übersetzer, außerdem über die Gedichte und die Bedeutung von Lyrik in Afghanistan. Dann folgen - unkommentiert - die Gedichte, zeitlich und nach Themen unterteilt.

Es sind Texte aus den achtziger und neunziger Jahren, aus einer Zeit, da es die Taliban als Miliz noch nicht gab, bis hin zu der Zeit, als sie über Afghanistan herrschten, außerdem von 2006 bis 2009, also Jahre nachdem sie nach 9/11 von der Macht weggebombt wurden. Die älteren Gedichte fanden Strick van Linschoten und Kuehn in Zeitungen, Magazinen und auf Kassetten, die neueren auf der Website der Taliban.

Manches ist unerträglich kitschig: "Deine Wangen im Frühling/ Rot wie Blumen", schmachtet da ein Dichter namens Pordel Bustan, und weiter: "Deine Wimpern verfehlen nie ihre Wirkung/ Wenn sie sich jemandem zuwenden". Anderes ist kritisch, zum Beispiel wenn der Dichter in dem von Hilfsorganisationen überfüllten Afghanistan fragt: "Wie viele NGOs gibt es!/ Ihre Gehälter höher als die von Ministern".

Vieles wirkt draufgängerisch, soll von Tapferkeit zeugen, einiges entspricht auch dem Bild von den brutalen Kämpfern, das Menschen im Westen von den Taliban hegen. Manches ist aber auch bemerkenswert selbstkritisch wie jene Ballade, in der es heißt: "Es ist eine Schande, dass wir wie Landstreicher umherirren/ Wir haben all das selbst zu verantworten".

Wütende Reaktionen im Westen

Ist das nun Poesie oder Propaganda? Schon vor Erscheinen sorgt das Buch für Aufregung. Ein britischer Offizier, einst in Afghanistan im Einsatz, findet, mit den Gedichten würden die Taliban sich rechtfertigen. "Wir sollten nicht vergessen, dass diese Leute Faschisten sind, mordende Verbrecher, die Frauen unterdrücken und gnadenlos Menschen umbringen, wenn die eine andere Meinung haben", sagt der inzwischen pensionierte Oberst dem "Guardian". Das Buch verschaffe ausgerechnet den Feinden des Westens unnötige Aufmerksamkeit.

Auch der Verlag steht in der Kritik. Manager Michael Dwyer sagt, es habe viele Debatten gegeben. Hurst habe unter anderem anonyme Anrufe erhalten. Einer warf dem Verlag vor, "den Terroristen eine Stimme zu geben".

Die beiden Herausgeber sind verwundert über die wütende Reaktion. "Es ging uns darum zu zeigen, dass die Taliban Menschen sind, mit Gefühlen, Ängsten und Sorgen wie wir", sagt Kuehn. Er erläutert, sie wollten "nicht werten, nicht urteilen" über die Taliban, sondern nur "zeigen, dass sie Menschen sind". "Nach zehn Jahren Krieg sind die Meinungen doch sehr festgefahren, und die Gedichte zeigen eine andere Seite. Offensichtlich genügt das schon, um Leute aufzuregen."

Es wirkt gleichwohl wie ein kalkulierter Tabubruch. Der Verdacht liegt nahe, hier wolle der Verlag Aufsehen erregen mit dem Überschreiten von Grenzen. Warum ausgerechnet jetzt, nach zehn Jahren Krieg, die Mission, die Taliban zu entdämonisieren? Steckt politische Absicht dahinter? Denn niemand stellt ja in Frage, dass die Taliban Menschen sind.

Aber eben Menschen, die jene Regierung in Afghanistan stellten, unter der al-Qaida dort beherbergt wurde, das Terrornetzwerk, das 9/11 zu verantworten hat. Menschen, unter deren Herrschaft Menschen gesteinigt, gefoltert, ausgepeitscht, Mädchenschulen geschlossen und Musik verboten wurden. Menschen, die immer noch morden, entführen, erpressen. Wird diese Kritik nicht relativiert, wenn man Gedichte von ihnen veröffentlicht, zwar mit einer Einführung, aber ohne kritische Kommentierung?

Verse rütteln an Klischees

Im Kern ist die Botschaft des Buches richtig: Es ist nicht alles schwarz und weiß. Manche Gedichte rütteln an Klischees, die man von den Taliban hat. Andere bestätigen sie, dort zum Beispiel, wo sie das Märtyrertum besingen und sich selbstgerecht als "Soldaten des Islam" bezeichnen.

Die Taliban, zumindest manche von ihnen, das lässt sich aus den Texten herauslesen, sind Menschen, die über ihr Leid schreiben, über ihre Angst vor dem Kampf und vor dem Tod, und die Liebesgedichte verfassen. Manche von ihnen haben einen Sinn für Ästhetik. Die meist emotionalen Zeilen geben einen Einblick in ihre - im Westen weitgehend unbekannte - Gefühlswelt.

"In Afghanistan hören selbst Menschen, die den Taliban feindlich gesonnen sind, diese überwiegend gesungenen Gedichte auf Kassette oder CD", sagt Kuehn. "Diese Lieder sind Teil ihrer Kultur." Also alles ganz normal? Gewiss, die Herausgeber ergreifen nicht Partei, wenn sie diesen Stimmen Gehör verschaffen. Aber sie erklären eben auch nicht, wie das zu dem Kulturvandalismus jener Taliban passt, die damals, während ihrer Herrschaft in Afghanistan von 1996 bis 2001, Museen plünderten und Tausende von Kunstwerken zerstörten, buddhistische Statuen, Kunsthandwerk, Bilder.

Jon Lee Anderson, Kriegsreporter beim Magazin "The New Yorker", nennt den Band "ein wichtiges Buch, das eine bislang verborgene Seite der als rau wahrgenommenen Taliban zeigt". Es zeige, dass es in den Reihen der Kämpfer doch einige gebe, die "ein verwundetes Herz, eine lyrische Seele und eine heiße Liebe für Sprache" besäßen.

Nur: Was bedeutet das? Dichtende Despoten gab es schon immer in der Geschichte, auch Monster können musische Menschen sein. Und wer diese Texte liest, weiß anschließend nicht, wer die Taliban sind und wofür sie stehen. Er erkennt aber immerhin, dass all jene, die sie ausschließlich dämonisiert haben, es ebenso wenig wissen.

Lesen Sie hier Auszüge aus dem Gedichtband "Poetry of the Taliban"

Dem Autor auf Facebook folgen

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ständig rück.
cassandros 16.05.2012
Zitat von sysopIst das Poesie oder Propaganda? Ein britischer Verlag bringt von Taliban verfasste Gedichte heraus. Die Extremisten preisen darin die Liebe und die Schönheit Afghanistans, schreiben aber auch unkommentiert über Krieg, Tod und den bösen Westen. Der Tabubruch löst wütende Proteste aus.
Die einzig mögliche vernünftige Reaktion darauf wäre, daß ein afghanischer Verlag nun im Gegenzug einen Band mit Mohammedkarikaturen veröffentlichte. Geschieht dies nicht, herrscht abermals ein Ungleichgewicht zugunsten geistiger Rückständigkeit.
2. Wie immer,
Bundesminister 16.05.2012
das ist in vielen Lebenslagen so, die Rückständigen beschimpfen die Aufgeklärten und Fortgeschrittenen.
3. Sehr interessant
Gerhard Stenkamp 16.05.2012
Zitat von sysopIst das Poesie oder Propaganda? Ein britischer Verlag bringt von Taliban verfasste Gedichte heraus. Die Extremisten preisen darin die Liebe und die Schönheit Afghanistans, schreiben aber auch unkommentiert über Krieg, Tod und den bösen Westen. Der Tabubruch löst wütende Proteste aus. Poetry of the Taliban sorgt weltweit für Aufregung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,832925,00.html)
Da deutsche Soldaten dort inzwischen einen großen Teil ihrer Dienstzeit verbrachten und verbringen, ist es sehr zu empfehlen, sich mit dem Denken und Fühlen der Menschen zu beschäftigen, mit denen man es zu tun hat. Die Kritik an den Herausgebern und dem Verlag ist nicht treffend.
4. Dichtende Despoten
Jasro 16.05.2012
Zitat von sysopDichtende Despoten gab es schon immer in der Geschichte...
An wen lässt mich das jetzt denken?
5.
Dumpfmuff3000 16.05.2012
Zitat von cassandrosDie einzig mögliche vernünftige Reaktion darauf wäre, daß ein afghanischer Verlag nun im Gegenzug einen Band mit Mohammedkarikaturen veröffentlichte. Geschieht dies nicht, herrscht abermals ein Ungleichgewicht zugunsten geistiger Rückständigkeit.
Vor allem rechnet man nicht Freiheiten und zivilisatorische Errungenschaften wie die Meinungsfreiheit gegeneinander auf und man macht sich nicht Länder wie Afghanistan oder IRan zum Maßstab.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS
alles zum Thema Taliban
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


Buchtipp