Von Stefan Schultz
Dass es eine Figur gibt, auf die Millionen deutsche Angestellte ihren Alltagsfrust projizieren können, ist Ralf Husmann zu verdanken. Er hat sich, sehr ähnlich wie in der britischen Comedy-Serie "The Office", eine ausgesprochen verhaltensauffällige TV-Type ausgedacht: Bernd Stromberg, in der gleichnamigen Serie Bereichsleiter bei der Capitol-Versicherung.
Stromberg, dargestellt von Christoph Maria Herbst, ist ein Chef-Ekel der Extraklasse. Er hat keine Empathie, weiß fast nichts über seine Angestellten, schon gar nicht über ihre Probleme und Leiden. Er hasst den Betriebsrat, er kann nicht loben, seine fachlichen und sozialen Kompetenzen gehen gegen null. Er verheddert sich in absurden Sprachbildern und demotiviert mit seinen Motivationssprüchen. Prädikat: übelster Boss der Welt.
Fünf Staffeln der Serie wurden inzwischen ausgestrahlt, von Millionen Menschen gesehen. Doch wie hat Husmann diese Figur entworfen? Wurde er einst selbst Opfer eines fiesen Chefs? Und wie ist er selbst als Vorgesetzter - ein Schlitzohr, ein geschmeidiger Mitarbeiterversteher oder ein Manager-Monster?
Husmann spricht gern über diese Dinge, nur bitte "nicht vor zehn Uhr morgens". Vorher könne er "keinen zusammenhängenden Satz artikulieren". Als er gegen elf Uhr anruft, geht das mit dem Sprechen schon ganz gut.
Das folgende Interview ist die gekürzte Fassung eines Textes aus dem frisch erschienen SPIEGEL-ONLINE-Buch "Wer lacht, hat noch Reserven - Die schönsten Chef-Weisheiten".
SPIEGEL ONLINE: Herr Husmann, hatten Sie mal einen Stromberg als Chef?
Husmann: Nein, nie. Ich hatte immer großes Glück.
SPIEGEL ONLINE: Es gab also keinen Vorgesetzten, der Sie zu der Serie inspiriert hat?
Husmann: Nur einen fiktiven. Ich hatte mir für die Serie "Anke" mit Anke Engelke einen Redaktionsleiter ausgedacht. Der war als Chef... sagen wir mal: unkonventionell. Ich fragte mich seinerzeit: Wie würde das wohl aussehen, wenn dieser Mensch in einem normalen Büro arbeitet und nicht beim Fernsehen? Da lag die Idee nah, daraus ein Spin Off zu machen.
SPIEGEL ONLINE: Warum wurde daraus nichts?
Husmann: Weil mir zunächst kein Sender das Format abgekauft hat. Das hat sich erst geändert, nachdem "The Office" Erfolg hatte.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie den Charakter Bernd Stromberg entwickelt?
Husmann: Am Reißbrett. Ich bin Geschichten durchgegangen, die mir Freunde erzählt haben, und habe diese mit meinen eigenen Beobachtungen abgeglichen. Mir war schnell klar, welche Eigenschaften der Charakter haben muss und welche Konflikte ihn umtreiben. Jedes Büro ist im Kern gleich. Egal, ob Sie in einer Werbeagentur arbeiten oder im Verteidigungsministerium - Sie finden überall dieselben Mechanismen.
SPIEGEL ONLINE: Selbstüberschätzung zum Beispiel.
Husmann: Ja, wobei Sie die nicht nur bei Chefs finden, sondern auch bei vielen normalen Angestellten. Die meisten Menschen würden doch zum Beispiel von sich behaupten, sie hätten Humor. Wenn man dann mit ihnen spricht, stellt man sehr schnell fest, dass das in vielen Fällen einfach nicht stimmt. Bei Chefs ist Selbstüberschätzung allerdings oft besonders ausgeprägt - weil die wenigsten Mitarbeiter sich trauen, ihre Vorgesetzten zu kritisieren.
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Husmann: Ich hoffe, dass sich ihre Furcht in Grenzen hält, und bemühe mich um einen offenen Dialog. Ich habe aber durchaus festgestellt, dass mir die Leute, nachdem ich Chef geworden war, deutlich weniger erzählt haben als vorher. Dass zum Beispiel unser Beleuchter nicht mehr mit der Kamerafrau zusammen war, habe ich als Letzter erfahren. In diesem Moment dachte ich mir: Du denkst, du gehörst noch dazu, aber das bildest du dir nur ein. Dieses Kommunikationsvakuum ist gefährlich. Du denkst, deine Angestellten finden dich spitze. Aber vielleicht halten sie dich auch für ein komplettes Arschloch.
SPIEGEL ONLINE: Tun das Ihre Angestellten?
Husmann: Ich hoffe nicht. Aber ich habe sicher nicht immer alles richtig gemacht. Im Medienbereich kommt man ja karrieremäßig schnell sehr weit. Plötzlich ist man Chef, ohne den Hauch einer Ahnung zu haben, was das bedeutet, ohne sich der Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst zu sein. Dann wird beim Fernsehen phasenweise so hart und intensiv gearbeitet, dass sehr schnell ein familiäres Gefühl entsteht. Im Überschwang macht man dann schon mal einen flapsigen Spruch, den man später bereut.
SPIEGEL ONLINE: Was haben Sie denn so gesagt?
Husmann: Ich will es mal so ausdrücken: Ab und an habe ich als junger Chef Sachen gesagt, die mir vermutlich als sexuelle Belästigung hätten ausgelegt werden können. Heute würde ich so was nicht mehr tun.
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